Kontexte

Die Auseinandersetzung mit Schreibprozessen und ihrer Verfahrenslogik rückte in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt in den Fokus literaturwissenschaftlicher Forschungen. Am Pariser Institut des Textes et Manuscrits Modernes analysieren und interpretieren seit 1982 mehrere Forschungsgruppen literarische Handschriften mit dem Interesse, die Dynamik von Schreibprozessen aus überlieferten Archivmaterialien zu rekonstruieren. Zunächst weitgehend unabhängig von dieser Forschungsrichtung, die als critique génétique bekannt geworden ist, formierte sich im deutschsprachigen Raum ein Interesse an literarischen Schreibprozessen vor allem in der Arbeit an und/oder in der Auseinandersetzung mit Editionsvorhaben wie denjenigen des Heidelberger Instituts für Textkritik.

Während die Editionsphilologie danach fragt, wie überlieferte Materialien eines Schreib­prozesses am besten zu edieren und also einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen sind, fragt die critique génétique danach, wie man anhand der überlieferten Materialien etwas über den vorangegangenen Schreibprozess erfahren kann. Bei allen Unterschieden in der methodischen Ausrichtung ist für beide Forschungsrichtungen die Frage nach der Materialität und Medialität literarischer Kommunikationsprozesse zentral. Damit partizipieren beide Forschungsrichtungen auf ihre Weise an der innerhalb der Kulturwissenschaften seit den frühen achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts verstärkt erfolgten Zuwendung zur Materialität und Medialität kultureller Praktiken und Manifestationen. Diese Zuwendung, die bisweilen als material turn bezeichnet wird, erfolgte dies- und jenseits philologischer Forschungen vor allem im Kontext von Studien mit diskursanalytischem und medientheoretischem Zuschnitt.

Dagegen sind Forschungen aus dem Bereich der Linguistik, der Kognitionspsychologie und der Pädagogik, sofern sie sich mit Schreibprozessen auseinandersetzen, meist stärker an der kognitiven Dimension von Schreibakten interessiert. Die Materialgrundlage besteht dann nicht oder nicht nur in den archivierten Überresten vergangener Schreibprozesse. Auch fällt die Konzentration auf im engeren Sinne literarische Zeugnisse weg. Die empirische Basis besteht vielmehr in Daten, die durch standardisierte Verfahren in gegenwärtigen Beobachtungs­szenarien gewonnen werden. Eine Verbindung dieser Forschungen mit editionsphilologischen und produktionsästhetischen Fragestellungen strebt zur Zeit das Forschungsprogramm Brain/Concept/Writing der Rheinisch-Westfaelischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen an.

Dass Schreibprozesse neben ihrer materialen Grundlage und ihren kognitiven Voraussetzungen, Funktionen oder Effekten auch eine instrumentell-technische Dimension aufweisen sowie körperlich-gestische Beteiligungen implizieren, rückte vor allem das seit 2001 laufende, an der Universität Basel begonnene und seit 2007 an der Universität Dortmund fortgesetzte Forschungsprojekt Zur Genealogie des Schreibens in den Fokus der Aufmerksamkeit. Das Projekt setzt einen integrativen Begriff des Schreibens voraus, mit dem die instrumentell-technischen, körperlich-gestischen und sprachlich-semantischen Aspekte des Schreibens gleichermaßen berücksichtig werden sollen. Das Spektrum der Forschungsarbeiten im Kontext des Projektes Zur Genealogie des Schreibens reicht von kleinteiligen Einzelstudien mit poetologischem Interesse bis zu Sammelbänden mit medienhistorischen und politischen Schwerpunkten. Ebenfalls an einem integrativen Begriff des Schreibens arbeitet die wissenschaftsgeschichtlich interessierte Forschungsinitiative Wissen im Entwurf des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin und des Kunsthistorischen Instituts in Florenz. Diese institutsübergreifende Forschungsinitiative interessiert sich für den Prozess des Schreibens als wissenschaftliche Praxis, als Verfahren nicht nur der Darstellung, sondern auch des Entwurfs und der Gewinnung von Wissen.

Das Online-Lexikon poeticon.net ist vor dem Hintergrund dieser Bemühungen zu sehen, nicht allein Texte, sondern Schreibprozesse und somit jene Tätigkeiten zu analysieren, aus denen Texte erst entstehen, ohne dass diese den Ziel- oder Endpunkt eines Schreibprozesses zu bedeuten brauchen. Dass das Schreiben als Tätigkeit nicht losgelöst vom Geschriebenen untersucht werden kann, versteht sich dabei von selbst, zumal dann, wenn es sich um vergangene Schreibprozesse handelt. Denn diese können sich nicht anders als in Spuren von Geschriebenem dokumentieren. Die Prozessualität des Schreibens zeichnet sich ins Geschriebene jedoch gleichwohl ein. Das ist der Grund für die Produktivität des französischen Begriffs der écriture. Wie auch das englische writing bedeutet écriture sowohl Schreiben (Schreibweise) als auch Schrift (Geschriebenes). Diese Produktivität bleibt allerdings auch nur dann gewahrt, wenn Schreiben und Schrift gerade aufgrund ihrer wechselseitigen Dynamik nicht miteinander verwechselt werden: Schreiben produziert Schrift, gleichzeitig weist der Schreibakt stets zurück auf bereits Geschriebenes, in dessen Spuren der Prozess – weitergeht.

Dass dieses ‚Weitergehen‘ nicht rein additiv zu verstehen ist, lässt sich bereits den antiken Rhetoriken entnehmen, die neben den Poetiken zu den wichtigsten Zeugnissen eines (weiträumig vergessenen) literarischen Verfahrenswissens gehören. So nennt Quintilian in seinem Lehrbuch der Rhetorik (Institutio oratoria) vier grundlegende Operationen, die für jegliche Herstellung von Texten konstitutiv sind: Wörter und Wortfolgen können eingefügt werden, sie können weggenommen, in der Reihenfolge umgestellt und schließlich nach übergeordneten Kriterien ausgetauscht werden. Einfügung (adiectio), Wegfall (detractio), Umstellung (transmutatio) und Austausch (immutatio) bezeichnen Basisoperationen der Textproduktion, die sich auch auf dem Papier in Form von Ergänzungen, Streichungen, Operatoren zur Umstellung (Pfeilen und dergleichen) oder Variantenbildungen mühelos nachweisen lassen.

Doch selbstverständlich spielt sich Schreiben nicht nur auf dem Papier ab, sondern auch im Kopf, es gehören Gefühlsregungen dazu, Handbewegungen müssen ausgeführt werden, man kann es zuhause oder auf Reisen, alleine oder in Gruppen tun, mit Computern oder anderen Geräten, die alle ihre eigenen Möglichkeiten und Sachzwänge entfalten. Die für das Schreiben konstitutive Heterogenität der beteiligten Aspekte sowie die Vielfalt an möglichen Verfahren, die an diese heterogenen Aspekte gekoppelt sind oder sich mit ihnen verbinden lassen, soll im Online-Lexikon poeticon.net zur Darstellung kommen. Nach welchen unterschiedlichen Ordnungen sich die einzelnen Verfahren gruppieren lassen, wird in einem zweiten Schritt zu fragen sein.

Die Vielfalt der beteiligten Aspekte ist jedoch auch für jedes einzelne Verfahren bereits einzuräumen. Nur kommen diese Aspekte in den einzelnen Verfahren in unterschiedlichen Gewichtungen zum Zuge. Zu diesen unterschiedlichen Gewichtungen, die den Verfahren als Merkmale eigen sind, kommen im Online-Lexikon poeticon.net diejenigen Gewichtungen, die durch den Aufbau der Artikel vorgegeben sind. Hier sind es zwei Schwerpunkte, die das Online-Lexikon kennzeichnen und mit weiteren Forschungskontexten verbinden. Zum einen ist das Online-Lexikon an einer zugleich emphatisch gemeinten wie konstruktiv zu verstehenden Beschreibung poetischer Strukturen interessiert. Die einprägsamsten Analysen aufgrund konstruktiver Bestimmungen des Poetischen sind wohl immer noch in den Schriften der russischen Formalisten zu finden. Indem das Online-Lexikon den Fokus auf Produktions-Prozesse und Verfahren der Text-Herstellung und also nicht nur auf Texte legt, wird der Fokus jedoch erweitert: In den Blick rücken Verfahrensmerkmale, die nicht auf Textverfahren zu reduzieren sind, sondern zwischen Struktur und Ereignis oszillieren. Zum einen also steht auf poeticon.net dieses Wechselspiel von Struktur und Ereignis in seiner – möglichen – poetischen Qualität zur Diskussion. Zum anderen ist das Online-Lexikon an einer Beschreibung gegenwärtiger Möglichkeiten einer Umsetzung der jeweiligen Verfahren in konkrete Schreib­projekte interessiert.

Beide Schwerpunkte – Poetik und Gegenwart – gehören zum Forschungsprofil des Hildesheimer Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft, an dem das Online-Lexikon poeticon.net erstellt wird. Es steht somit im Verbund weiterer Forschungs- und Publikationsprojekte, die an diesem Institut beheimatet sind.