notieren

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Notieren bezeichnet den Akt der kurzen, unmittelbaren Aufzeichnung. Der Impuls etwas aufzuzeichnen, setzt eine grundsätzliche Bereitschaft zur Schreibpraxis des Notierens voraus. Hingegen das Notieren, als Ergebnis eines Impulses, ist unplanbar. Dabei ist der Vollzug des Notierens nicht unbedingt von einem konkreten Schreibort abhängig und kann durchaus draußen passieren, zum Beispiel auf der Straße, in einem Café, einem Club oder während einer Seminarsitzung. Meistens dient das Notieren dem Festhalten von Wahrnehmungen oder spontanen Erinnerungen, aber auch von plötzlichen Einfällen. Die an die Schreibsituation gebundene Offenheit des Notierens erfordert darüber hinaus einen raschen Zugriff auf Schreibutensilien, z. B. Bleistift und Zettel, Notizheftchen, Handy. Notieren ist eine ephemere Schreibpraxis, die aber selbst Dauerhaftigkeit herstellen will, wenn auch zunächst nur vorübergehend. Denn das Notierte besteht oft nur aus einfachen Stichworten, Skizzen, wenigen Sätzen oder Fragmentarischem.

Strukturell ist das Notieren in seinem Vollzug ein singulärer Akt, der sich jedoch im Hinblick auf Äußerlichkeiten (Schreiborte, -utensilien, -zeiten) sowie auf das, was notiert wird (Themen, Motive, Personen), wiederholen kann. Rührt die Bereitschaft nicht aus einer bloßen Lust an dieser Schreibpraxis, ist das Notieren vor allem ein Hilfsmittel, um einen anschließenden Text vorzubereiten. Das Notieren kann also von einem Zweck bestimmt sein, der das Notat zu einer Grundlage für eine Abschrift oder eine Überarbeitung, eine Einbettung in einen bestimmten Kontext, macht. Das kann ein Roman oder Drama, ein Essay oder eine Reportage ebenso wie ein Gedicht sein. Der wesentliche Ansatz des Notierens ist dann von einem Plan bestimmt, der den Schreibimpuls auf ein Thema, einen Stoff, eine Haltung hin motiviert.

Das poetische Potential des Notierens besteht darin, dass es in der Schwebe lässt, was aus dem Notierten tatsächlich folgen soll, selbst wenn es auf eine solche Folge hin angelegt ist. Ein Spielraum möglicher Fortsetzungen ist somit bereits im Akt des Notierens wirksam, insofern statt einer finalen Determination von Bedeutungen eine Vorstruktur notiert wird, die stets auch eine Weiterverwendung zulässt. Die textuelle Rekursion auf das Notierte steht in ihrer verzögerten Reaktion als langsame, bedeutungsvolle Schreibgeste der Plötzlichkeit des Notierens entgegen. Notieren als poetisches Verfahren ist daher immer auch von der Möglichkeit des Rückgriffs abhängig, der der Notiz Wert beimisst, indem er das Notierte in einem bestimmten Licht erscheinen lässt.

12. 08. 09 /// Sebastian Polmans

→ Wegmarken ←

N. als intimer Akt: Roland Barthes, Journal de deuil (2009) /// N. als Reisetagebuch: ders., Carnets du voyage en chine (2009) /// Als Romanform: Thomas Pletzinger, Bestattung eines Hundes (2008) /// N. als Arbeitsheft: Peter Weiss, Notizbücher 1960-1971, Bd. 2 (1982) /// N. als Tagebuch: Cesare Pavese, Tagebuch 1935-1950 (1956) /// N. als Akt der Sammlung: Walter Benjamin, Passagenwerk, Bd. 1 und Bd. 2 (1982) /// N. als ‚System‘: Paul Valéry, Cahiers/Hefte 1 (1987) /// N. zunächst als Romanentwurf, dann als eigenständiges Notizheft: Peter Handke, Das Gewicht der Welt (1977) /// Als Arbeits- und Lebensform: Ludwig Hohl, Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung, Bd. 1 (1944) und Bd. 2 (1954)

12. 08. 09 /// S.P.

← Forschungsliteratur →

Roland Barthes, Die Vorbereitung des Romans, Frankfurt am Main 2009 (Sitzung vom 16. Dezember 1978 und vom 3. März 1979) /// Marbacher Katalog: W. G. Sebalds Unterwelt, Marbach 2009 /// Paul Valéry, Zur Theorie der Dichtkunst, Frankfurt am Main 1991 (S. 12-16: Über die literarische Technik, S. 44-64: Rede über die Dichtkunst, S. 92-106: Notwendigkeit der Dichtkunst, S. 118-140: Antrittsvorlesung über Poetik am Collège de France) /// Christoph Hoffmann (Hg.), Daten sichern: Schreiben und Zeichnen als Verfahren der Aufzeichnung, Berlin 2008 /// Barbara Wittmann (Hg.), Spuren erzeugen: Zeichnen und Schreiben als Verfahren der Selbstaufzeichnung, Berlin 2009

12. 08. 09 /// S.P.

↑ Postskriptum ↑

Als poetisches Verfahren legt die Praxis des Notierens ein Problem offen, insofern es aufgrund der Plötzlichkeit seines Vollzugs schwer zu erfassen ist. Zwar liegen, wie einige in den Wegmarken aufgeführten Beispieltexte, genügend Ergebnisse vor, doch die Funktionsweisen innerhalb des Akts selbst müssen wohl aus ähnlichen Ursachen weitestgehend unerforscht bleiben. Anders verhält es sich mit Äußerungen von Autoren zur Praxis des Notierens als Nutzen für ihre eigene Werkstatt. Interessant ist hierbei, dass nur wenige Autoren das Notieren als von quantitativen Textprojekten unabhängige Gattung begreifen, oder wie im Beispiel von Peter Handkes „Gewicht der Welt“ die Zweckbestimmtheit zu Gunsten der Praxis des unabhängigen Notierens aufgeben. Wobei hier die Frage nach Publikationsmöglichkeiten angeführt werden muss, denn selbst von arrivierten Autoren, wie Handke, Peter Weiss oder Roland Barthes wurden Notizbücher oder Journale erst nach ihren Erfolgen mit Langtexten veröffentlicht. Die Frage, die sich dem Notieren als poetischem Verfahren des gegenwärtigen Schreibens aufdrängt, scheint mir in der Gewissheit des Notierenden, das Notieren als subjektiven Akt zu erleben, zu liegen; eine Frage, die sich der Bedrohung durch den wie auch immer gearteten Rekurs auf das Notat stellen muss. Sätze wie von Paul Valéry (Cahiers 1, S. 45: „Ego/ Wenn ich in diese Hefte schreibe, schreibe ich mir, schreibe ich mich.“) oder Roland Barthes (Journal de deuil, S.21: „En prenant ces notes, je me confie à la banalité qui est en moi.”) verdeutlichen dies.

12. 08. 09 /// S.P.

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