atomisieren

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Atomisieren meint das Zerlegen eines Ganzen in seine kleinsten Teile oder ein vollständiges Zertrümmern eines Komplexes. Durch den Atomisierungsprozess wird die ursprüngliche Form gänzlich aufgelöst oder zersprengt, so dass diese nicht mehr erahnt werden kann. Was von ihr übrigbleibt oder aus ihr entsteht, ist etwas, das selbst noch keine Form zu haben braucht. Atomisieren bedeutet demnach einen Angriff auf die Form, wobei der Prozess gleichzeitig neue Formen ermöglichen kann. Voraussetzung für den Prozess des Atomisierens ist, dass es etwas gibt, das atomisiert werden kann. Der Atomisierungsprozess bezieht sich demnach stets auf etwas Bestehendes – im Falle des Schreibens in der Regel auf einen bereits vorliegenden Text oder mehrere vorliegende Texte.

Der Prozess des Atomisierens kann dabei im Herauslösen oder direkten Umgruppieren von Wörtern bestehen. Das Ergebnis ist eine Ansammlung unverbundener Wörter oder eine erkennbare Neuanordnung von Wörtern, die dadurch als einzelne Elemente neu wahrnehmbar werden. Ein Atomisierungsprozess kann aber auch bis in die Ebene der Buchstaben und Satzzeichen hineinreichen, so dass diese wiederum als kleinste Einheiten eines Textes erkennbar und zum Einsatzpunkt der poetischen Arbeit genommen werden können. Wichtig ist, dass die Festlegung, was innerhalb des Atomisierungsprozesses als kleinste Einheit gelten soll, im Prozess selbst vorgenommen oder auch gezielt offen gelassen werden kann. In jedem Fall jedoch bleibt etwas übrig: Buchstaben, Wörter, Satzzeichen oder Bruchstücke, die den Anfang eines neuen Prozesses bilden können. Was schließlich als Ergebnis dieser Prozesse in Form eines Textes zurückbleibt, kann rückwirkend einen Eindruck vom Verfahren vermitteln, auch wenn der tatsächliche Verlauf des Verfahrens selbst nicht mehr wahrgenommen werden kann. Denkbar sind auch Atomisierungsverfahren, die als solche, das heißt in ihren einzelnen Phasen, vorgeführt werden, wodurch das Verfahren offengelegt wird und in seinem Verlauf auch nachträglich noch nachvollzogen werden kann.

Gegenstand des Atomisierungsprozesses kann sowohl ein selbstverfasster Text als auch ein Fremdtext sein. Zudem gibt es zwei Möglichkeiten, mit dem Prozess anzufangen, wobei es auch zu einem Wechselspiel der beiden Möglichkeiten kommen kann: Im einen Fall folgt das Vorgehen einem von Anfang an bestehenden Plan, wie etwa dem, die einzelnen Vokale eines Textes herauszulösen und neu zu gruppieren. Im anderen Fall ist der Ansatzpunkt der Atomisierung nicht von Anfang an festgelegt. Dies ist etwa dann der Fall, wenn ein Text durch wahlloses Zerschneiden in einzelne Teile zerlegt wird. In diesem Fall kann es passieren, dass das Material selbst anfängt, sprechend zu werden. Das ungezielte Vorgehen kann also durchaus dazu führen, dass neuer Sinn entsteht, woran sich wiederum neue Arbeitsschritte (z.B. Tilgung, Einfärbung, Neugruppierung) anschließen lassen.

Das poetische Potential liegt in der durch den Atomisierungsvorgang bemerkbar werdenden Formlosigkeit des atomisierten Textes. Wenn aber der Vorgang selbst seine Prozessqualität behalten soll, dann kann dies nur dadurch geschehen, dass die Formlosigkeit zumindest stückweise auch im Fortgang des Prozesses erhalten bleibt. Durch das Wechselspiel der beiden Möglichkeiten, des gezielten und ungezielten Atomisierens, kann das Formlose des Textes stetig in eine neue Formlosigkeit, aber auch in neue Formen überführt werden. In diesem Wechselspiel entfaltet sich das poetische Potential, indem neue Verfahren aus dem zerlegten Text entwickelt und an den Atomisierungsprozess angeschlossen werden können.

23. 07. 11 /// Felicitas Kotzias

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A. als Gedankenexperiment zwecks Bestimmung der kleinsten semantischen Einheiten der Sprache: Platon, Kratylos (ca. 400 v. Chr.) /// A. als Konzept von Zerstörung der Syntax zur Befreiung der Worte in den Manifesten des Futurismus: Filippo Tommaso Marinetti, Technisches Manifest der futuristischen Literatur (1912); ders., Zerstörung der Syntax – Drahtlose Phantasie – Befreite Worte(1913); Benedikt Livsic, Die Befreiung des Wortes (1913); Aleksandr Kruconych, Deklaration des Wortes als solches (1913) /// A. als materielles Zerschneiden von Textes im Dadaismus: Tristan Tzara, Pour faire un poème dadaïste (1920) /// A. als Auflösung der semantischen Einheit von Worten in einzelne Phoneme: Kurt Schwitters, Sonate in Urlauten (1923-32); ders., Manifest über Konsequente Dichtung (1924) /// A. mit Sonettzeilen als kleinsten Einheiten: Raymond Queneau, Cent mille milliards de poèmes (1961) /// A. als „molekulares Cracking“: Oskar Pastior, Sonetburger (1983); ders., Anagrammgedichte (1985) /// A. als analytische Arbeit an und mit einer Silbe: Thomas Schestag, buk. Paul Celan (1994) /// A. als Grundlage eines Neuordnungsprozesses: Ursus Wehrli, Kunst aufräumen (2001) /// negatives A. als Verschwindenlassen von Textbestandteilen: Uljana Wolf, falsche freunde (2009)

23. 07. 11 /// F.K.

← Forschungsliteratur →

Christoph Zeller, „Atomisierung“, in: ders., Ästhetik des Authentischen. Literatur und Kunst um 1970, Berlin/New York 2010 S. 71-77 /// Markus Pissarek, „Atomisierung der einstigen Ganzheit“ – das literarische Frühwerk Hermann Brochs, München 2009

23. 07. 11 /// F.K.

↑ Postskriptum ↑

Die Bezeichnung „Atom“ für die kleinste unteilbare Einheit von Materie leitet sich vom griechischen ἄτομος (átomos: „das Unteilbare“) ab und hat sich seit dem 19. Jahrhundert durchgesetzt, obwohl sich das Atom bereits Anfang des 20. Jahrhunderts wiederum als teilbar erwiesen hat. Eine produktive Übertragung des Verbs Atomisieren auf den Bereich der Sprache wird entsprechend zu berücksichtigen haben, dass das, was innerhalb der Sprache als kleinste Einheit gelten kann, festgelegt werden muss. Ebendies kann aber wiederum als Teil der Produktivität des Verfahrens begriffen werden.

23. 07. 11 /// F.K.

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