anekdotisieren

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Beim Anekdotisieren geht es darum, eine kleine Geschichte zu erzählen, in der der Charakter oder das Wesen einer Person durch eine scheinbar zufällige Äußerung oder Handlung verdeutlicht wird. Ob oder inwiefern eine derart produzierte Anekdote das geschilderte Ereignis historisch exakt wiedergibt, ist nicht entscheidend: Beim Anekdotisieren wird der Erzählinhalt zwar historisch verortet, ob es sich aber tatsächlich so begeben hat, ist zweitrangig. Wichtig ist allerdings, dass das Erzählte stattgefunden haben kann. Anekdotisieren impliziert daher stets das Herstellen von bzw. das Spiel mit der Wahrscheinlichkeit. Dieses Spiel wird zu einem ironischen Spiel, wenn eigentlich klar ist, dass das Gesagte nicht den Tatsachen entspricht. Gesellschaftlich akzeptiert wird eine Anekdote, wenn die erzählte Begebenheit mit dem vermuteten oder als bekannt vorausgesetzten Charakter der geschilderten Person übereinstimmt.

Anekdotisieren bedeutet Arbeit mit Minimalisierung und Pointierung. Sowohl im Bau des Ganzen wie im Gefüge der Sätze wird Knappheit angestrebt, bei Rede und Dialog bedient sich der Schreibende der gedrängtesten Form. Gelegentliche Längen werden verwendet, um die Haltung der Ironie zu verbergen bzw. zu offenbaren, oder um die ungeduldige Erwartung in Richtung auf den Ausgang zu steigern.

In diesem Sinne wird Beiwerk sparsam verwendet, der Schreibende versucht zu jedem Zeitpunkt, nicht die klaren, sicheren Linien des fortschreitenden Geschehens aus dem Blick zu verlieren. Jedes Element des Texts dient nur der weiterführenden Schilderung des Geschehens, dem fortschreitenden Vordringen zur Pointe. Darin liegt der eigentliche Sinn des Verfahrens, auf sie hin wird geschrieben. Die Pointe der Pointe liegt in der Attraktivität, all das Gesagte auch glauben zu können. Je unwahrscheinlicher dabei die geschilderte Begebenheit ist, desto anspruchsvoller wird die Aufgabe sein, die Begebenheit durch das Verfahren des Anekdotisierens als wahrscheinlich herauszustellen. In der Möglichkeit, Unwahrscheinliches als wahrscheinlich darzustellen, liegt unter anderem das poetische Potential des Verfahrens.

Beim Anekdotisieren wird nur erzählt, was sich zu erzählen lohnt. Anekdotisiert wird, um zu interessieren, zu belegen, oder um einen Erzählinhalt aus seiner primären Oralität herauszulösen, ihn schriftlich wiederzugeben und so festzuhalten. Beim Anekdotisieren wird auf Weitererzählbarkeit geachtet. Dabei bietet es sich an, Erzählinhalte zu verwenden, die das Potential haben, vielen merkwürdig oder lieb zu sein. Anekdotisieren setzt ein intuitives Begreifen zur Charakterisierung einer Person oder Sache voraus. Wer gut anekdotisieren will, muss ebenso gut zuhören wie erzählen können.

26. 03. 10 /// Verena Kaiser

→ Wegmarken ←

A. als Erzählform der Geschichtsschreibung: Herodot, Historien (5. Jhdt. a.c.); Heinrich von Kleist, Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege (1810); Reinhard Federmann, Wiener G’Schichten – Geschichte Wiens (1962); Hein (Hg.), Deutsche Anekdoten (1976); Johannes Kunz (Hg.), Am Anfang war die Reblaus. Die zweite Republik in Anekdoten (1987) /// A. als Illustration zum Leben berühmter Persönlichkeiten: Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen (3. Jhdt. p.c.); Prokopios von Caesarea, Anekdota (Mitte 6. Jhdt. p.c.); Heinrich Zillich (Hg.), Bekenntnis zu Josef Weinheber (1950); Marie von Ebner-Eschenbach, Erinnerung an Franz Grillparzer (1955); Géza von Cziffra, Die Kuh im Caféhaus (1981) /// A. zur Einsichtgabe in abgeschottete Berufsgruppen: Walther Birkmayer und Gottfried Heindl, Der liebe Gott ist Internist. Der Arzt in der Anekdote (1978); Hans Bankl, Im Rücken steckt das Messer. Geschichten aus der Gerichtsmedizin (2001); Franz Marischka, „Immer nur lächeln“. Geschichten und Anekdoten von Theater und Film (2001); Ulrike Beimpold, Eine Birne namens Beimpold. Anekdoten einer Burgpflanze (2008) /// A. zur Belehrung & Glorifzierung: Johannes Geiler von Kaysersberg (1445 – 1510); Abraham a Sancta Clara (1644 – 1709); Johann Peter Hebel, Kalendergeschichten (1807 – 1827); Wilhelm Schäfer (1868 – 1952) /// A. als Verfahren für Aufzeichnungen von Erinnerungen: Marie von Ebner-Eschenbach, Meine Kinderjahre (1924); Vicki Baum, Es war alles ganz anders (1962); Alexander Roda-Roda, Schummler, Bummler, Rossetummler (1966); Peter Ustinov, Ustionovitäten (1972); Eugen Roth, Erinnerungen eines Vergesslichen (1972); Friedrich Torberg, Die Tante Jolesch (1975) / Géza von Cziffra, Kauf dir einen bunten Luftballon, Immer waren es die Frauen (1975)

26. 03. 10 /// V.K.

← Forschungsliteratur →

Max Dalitzsch, Studien zur Geschichte der deutschen Anekdote (Diss.), Freiburg 1923 /// Heinz Grothe, Anekdote, Stuttgart 1971 /// Franz-Heinrich Hackel, Zur Sprachkunst Friedrich Torbergs. Parodie – Witz – Anekdote, Frankfurt am Main 1984 /// Sonja Hilzinger, Anekdotisches Erzählen im Zeitalter der Aufklärung. Zum Struktur- und Funktionswandel der Gattung Anekdote in Historiographie, Publizistik und Literatur des 18. Jahrhunderts, Stuttgart 1997 /// Albrecht Christoph Kayser, „Ueber den Werth der Anekdoten“, in: Der deutsche Merkur, April 1784, S. 82-86 (erste wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema) /// Hans Lorenzen, Typen deutscher Anekdotenerzählung. Kleist – Hebel – Schäfer (Diss.), Hamburg 1935 /// Volker Weber, Anekdote. Die andere Geschichte. Erscheinungsformen der Anekdote in der deutschen Literatur, Geschichtsschreibung und Philosophie, Tübingen 1993

26. 03. 10 /// V.K.

↑ Postskriptum ↑

Dem Leser mag der Begriff anekdotisieren vielleicht auf den ersten Blick ungewohnt, fremd oder gar seltsam vorkommen. Und das nicht zu Unrecht! Die 24. Auflage des Duden verzeichnet zwar die Begriffe AnekdötchenAnekdoteanekdotenhaft und anekdotisch, führt allerdings kein Verb zu diesem Wortstamm an, wie alle anderen (von mir gesichteten) deskriptiven und präskriptiven Grammatiken wie Lexika.

Glaubt man also solchen Standardwerken, gibt es im Deutschen kein Wort, das den Prozess des Erzählens einer Anekdote in einer Verbalform beschreibt. Gibt man jedoch anekdotisieren bei Google – dem Index für den Sprachgebrauch des Gegenwartsdeutschen – ein, so erhält man Verweise auf unzählbar viele Einträge. Einig über die Verwendung sind sich die Einträge nicht, sondern man merkt spätestens auf Ergebnisseite Drei, dass die „Konsumenten“ dieses Wort situationsbezogen für ihre eigenen Zwecke einsetzen, wobei unter anekdotisieren verschiedenste Vorgänge verstanden werden. Der eine meint das Wiedergeben einer Anekdote, der andere das Erstellen einer Anekdote. Diese oftmalige Verwendung – trotz bestehender Unsicherheit bzw. Unklarheit über das Signatum des Signans – spricht meiner Meinung nach dafür, dass hier eine Leerstelle im Lexikon des Deutschen besteht, die nicht nur gefüllt werden will, sondern auch Überlegungen zum Inhalt dieses Ausdruckes nötig macht.

Ich habe beim Erstellen dieses Artikels das Verb anekdotisieren ausgehend vom Signatum Erzählen einer Anekdote gedacht und dabei versucht offen zu lassen, ob es sich um das erstmalige (schöpferische) Erzählen, das umwandelnde oder originalgetreue Weitererzählen handelt. Denkt man hierarchisch, könnte also das Anekdotisieren als Überbegriff gedacht werden, der der Verwendung des Erzählinhalts entsprechend wiederum in spezifischere Begriffe aufgespalten werden kann.

26. 03. 10 /// V.K.

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