sensibilisieren

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Sensibilisieren meint, einen Text so zu gestalten, dass er andere empfindlich für bzw. aufmerk­sam auf etwas macht. Sensibilisiert werden kann für Gegenstandsbereiche der außerliterari­schen Wirklichkeit, wie beispielsweise soziale Missstände oder verdeckte Implikationen bestimm­ter Rede- bzw. Umgangsweisen, für Bereiche des sinnlichen Erlebens sowie für literarische Phänomene, wie zum Beispiel gängige Erzählstrukturen.

Anlass für ein sensibilisierendes Schreiben ist meist die Vermutung, etwas sei noch nicht oder nicht deutlich genug wahrgenommen worden. Ob das Sensibilisieren schließlich auch bei denjenigen, die den Text lesen, die gewünschte Wirkung hat, kann im Schreiben nicht vorherbestimmt werden. Aber da jedes Schreiben bereits Selektion bedeutet und so bestimmte Aspekte hervorgehoben oder besonders betont werden können, wird es doch möglich, die Aufmerksamkeit des Lesers in eine bestimmte Richtung zu lenken. Je urteilsfreier dabei die Präsentation der dargebotenen Möglichkeiten erfolgt, desto eher wird eine Lektüresituation geschaffen, die ihrerseits zur genauen, sensiblen Wahrnehmung dieser Möglichkeiten anhält.

Sensibilisieren, als Schreibverfahren verstanden, setzt voraus, dass der Schreibende sich bereits oder allmählich affiziert weiß von einem Sachverhalt oder Eindruck, den er als Impuls für sein weiteres Vorgehen nutzen kann. In einem nächsten Schritt wird es darum gehen, den Anlass, der zur eigenen Sensibilisierung geführt hat, im Schreiben so zu reproduzieren, dass er auch für andere wirksam werden kann. Dabei wird das Sensibilisieren des Lesers zwar anvisiert, ein Gelingen kann jedoch, wie bereits erwähnt, nie vorausgesetzt werden.

Der Versuch, die eigene Sensibilisierung in einen Text zu übertragen, kann unterschiedlich gestaltet werden. Eine Möglichkeit besteht darin, über genaue Beschreibung die Wahrnehmung zukünftiger Leser zu sensibilisieren. Eine andere Möglichkeit wäre, durch Überforderung den gewohnten Wahrnehmungsstrom zu unterbrechen und so den Leser für etwas zu sensibilisieren, das zuvor nicht wahrgenommen wurde. Dafür können z.B. visuelle Mittel verwendet werden: Durchstreichungen, Unterstreichungen oder Überschreibungen. Die häufige Verwendung gezielt ausgewählter Wörter und/oder Buchstaben kann ebenso eine Sensibilisierung erzeugen wie das Einbeziehen von Bildmaterial oder das gezielte Auslassen von zu erwartenden Textelementen.

In den zuletzt genannten Fällen zielt das Sensibilisieren darauf ab, die Wahrnehmung durch Diskontinuität zu irritieren. Sensibilisieren bedeutet in diesem Fall die Unterbrechung gewohnter Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster und ihre Verschiebung hin zu einer neuen Perspektive, einem anderen Wahrnehmungsfokus. Das poetische Potential des Verfahrens besteht gerade darin, dass die Wahrnehmung zukünftiger Leser und des Schreibenden selbst zwar sensibilisiert werden kann, eine Vorherbestimmung der Richtung, in die die Aufmerksamkeit gelenkt wird, jedoch unmöglich ist. So kann die besagte Unterbrechung des Wahrnehmungsstromes zum Aufmerken für ein Phänomen führen, das der Schreibende selbst zuvor nicht im Blick hatte. Die freigesetzte Aufmerksamkeit kann an eine Unzahl von Sachverhalten und Eindrücken anschließen und das Schreiben wie das Lesen in Gang halten.

23. 07. 11 /// Ninon Katschmarz

→ Wegmarken ←

S. für soziale Missstände: Charles Dickens, Oliver Twist (1837) /// S. für typographische Strukturen: Stéphane Mallarmé, Un coup de dés jamais n’abolira le hasard (1897) /// S. als sprachlicher Akt der Aufmerksamkeit: Paul Celan, Der Meridian (1960) /// S. für sinnliches Erleben: Patrick Süskind, Das Parfum (1985); Jean-Paul Sartre, Der Ekel (1938) /// S. durch visuelle Mittel wie Durchstreichungen und das Einbeziehen von Bildmaterial: Jonathan Safran Foer, Extrem laut und unglaublich nah (2005) /// S. durch Diskontinuität der Erzählperspektive: Jonathan Safran Foer: „Alles ist erleuchtet“ (2005) /// S. durch genaue Beschreibung: John Berger, SauErde – Geschichten vom Lande (1982) /// S. durch Übertreibung: Rolf Dieter Brinkmann, Keiner weiß mehr (1968); Sibylle Berg, Ende gut (2005); Rainald Goetz, Abfall für alle (1999)

23. 07. 11 /// N.K.

← Forschungsliteratur →

Aleida und Jan Assmann (Hrsg.), Aufmerksamkeiten, München 2001 /// Jonathan Crary, Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und moderne Kultur, Frankfurt am Main 2002 /// Hans Blumenberg, „Auffallen und Aufmerken“, in: ders., Zu den Sachen und zurück, Frankfurt am Main 2002, S. 182-206 /// Martha Nussbaum, „Finely Aware and Richly Responsible: Attention and the Moral Task of Literature“, in: The Journal of Philosophy LXXXII (1985), S. 516-529 /// Richard Rorty, „Grausamkeit und Solidarität“, in: ders., Kontingenz, Ironie und Solidarität, Frankfurt am Main 1989 /// Barbara Thums, Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und Selbstbegründung von Brockes bis Nietzsche, Paderborn 2008 /// Bernhard Waldenfels, Phänomenologie der Aufmerksamkeit, Frankfurt am Main 2004

23. 07. 11 /// N.K.

↑ Postskriptum ↑

Es gibt eine Spielart des Sensibilisierens auf dem Gebiet der Täuschung. Im Kriminalroman beispielsweise ist es ein gängiges Verfahren, den Leser für die Auflösung eines bestimmten Handlungsstrangs zu sensibilisieren, der sich im Nachhinein als durch eine Figur zum eigenen Vorteil erfunden herausstellt (= ‚Red Herring‘). Die Sensibilisierung findet in diesem Fall sowohl innerhalb der Erzählung statt (eine Figur täuscht andere Figuren durch Sensibilisierung) als auch, im Erfolgsfall, außerhalb (der Leser wird mitgetäuscht). Diese Spielart setzt, im Gegensatz zu dem im Artikel beschriebenen Verfahren, keine Affizierung des Autors durch eigene Sensibilität voraus, sondern im Gegenteil das perfide Kalkül der Täuschungswirkung des eigenen/ gewählten Sensibilisierungsverfahrens. Eine Ausnahme hierfür wiederum würde die Variante darstellen, einen Text, der aus einer echten eigenen Sensibilität heraus geschrieben wurde, im Nachhinein – durch die Veränderung des Kontextes – als Material für die bereits erklärte Täuschung zu nehmen.

23. 07. 11 /// Mathias Prinz

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