reimen

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Reimen als Schreibpraxis meint, mindestens zwei Worte so zu setzen, dass der Schreibende ihre partielle, phonetische Übereinstimmung hört. Entsprechend ist seine Hörkompetenz für das Verfahren entscheidend: Sie bestimmt, welche Arten phonetischer Übereinstimmung im Schreibprozess überhaupt bzw. noch als Gleichklang wahrgenommen werden und welchen (potenziell unendlichen) Abstand die reimenden Worte ohne Verlust dieser Wahrnehmung zueinander einnehmen können.

Wichtig ist die Unterscheidung von spontanem und geplantem Reimen: Wird das Verfahren unbeabsichtigt angewendet, wird sich der Reimende seines Reimens u.U. erst im Schreiben bewusst und von ihm überrascht; dabei werden Reimworte eher überhört – aufgrund zu großer Entfernung zueinander und/oder zu ‚schwacher‘ Klangbeziehung. Wird dagegen z.B. ein Reimschema aufgefüllt, ist der Schreibende schon auf die festgelegten (potenziell größeren) Abstände und (potenziell ‚schwächeren‘) Klangbeziehungen eingestellt.

Es lassen sich drei Grundformen des Verfahrens ausmachen: Alliteration, Assonanz, Endreim. Diese Unterscheidung kann einen Überblick verschaffen, aber nicht alle Arten von Tonbeziehungen zwischen Worten hinlänglich beschreiben.

Alliteration: Der Zusammenklang liegt im gleichen Anlaut akzentuierter Silben, manche Konsonantenfolgen werden als Einheiten aufgefasst (st, sp, sk). Beispiele: Stamm : Stulpe / Alter : Amygdala / Kiste : Kahn.

Assonanz: Der Zusammenklang liegt auf Vokalebene, die Vokale akzentuierter Silben zweier oder mehrerer Worte sind gleich. Beispiele: Haltbarkeit : lachgasfrei / Flegel : Ehre / Lageplan : Jade, klar.

Endreim: Das Lautmaterial ist mindestens ab dem letzten betonten Vokal zweier Worte (in der Regel jeweils an einem Versende stehend) vollständig gleich. Beispiele (letzter betonter Vokal jeweils fett): Teiche : Leiche / Schweine : Heine / Baumstämme : Meerschaumkämme.

Reimeffekte werden wesentlich durch den Abstand der Reimworte und den Grad ihrer klanglichen Übereinstimmung bestimmt. Wird z.B. ein Text unter Verwendung unterschiedlicher Reimweisen und unregelmäßiger Abstände der Reimworte klanglich verdichtet, ergibt sich als primärer Effekt ein Sinnlichkeitszuwachs der Sprache auf Lautseite. Dies kann in eine Überbetonung der klanglichen Dimension kippen, wenn z.B. Ketten von Schlagreimen auftreten. Erscheinen Reime in Versendstellung, werden die korrespondierenden Verse formal vernetzt; außerdem erhöht sich ihre Merkbarkeit.

Das poetische Potential des Reimens ist eines der Überraschung; beim geplanten Reimen provoziert durch formalen Zwang: Der Schreibende stößt u.U. durch Zusammenklang auf einen unerwarteten semantischen Zusammenhang (Harmonie, Kontrast etc.) zwischen den Reimworten und ungeahnte inhaltliche Möglichkeiten tun sich auf. Beim spontanen Reimen stellt der ‚Fund‘ vor Folgeentscheidungen: ob die entdeckte Klangstruktur genutzt, unbeachtet gelassen oder zurückgenommen wird. Kommt es zu einer reimfordernden Formentscheidung, wird das spontane zum geplanten Reimen. Beim geplanten Reimen können sich Reime entsprechend auch an unvorhergesehener Stelle, spontan, ergeben und den Schreibprozess als nicht einkalkulierte Wirkkraft mitstrukturieren. Das poetische Potential des Reimens liegt demnach wesentlich in der Offenheit seines Überraschungsmoments: wie weiter mit ihm verfahren wird.

26. 11. 11 /// Mischa Mangel

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R. als Überraschung durch Einbindung von Fremdworten: Gottfried Benn, Sämtliche Gedichte (1998) u. Rainer Maria Rilke, Gedichte 1895 bis 1910Gedichte 1910 bis 1926 (1996) /// R. als ausdrückliche Versinnlichungsmaßnahme für Texte: Anja Utler, plötzlicher mohn: Münchner Reden zur Poesie /// R. als Nonsensmotor: Christian Morgenstern, Galgenlieder (1905) /// R. zu humoristischen Zwecken: Robert Gernhardt, Gesammelte Gedichte (2005) /// R. als Exzess: Bas Böttcher, Neonomade (2009) /// R. als Wortspiel: Stefan George, Über Dichtung (1894) /// R. an den Grenzen des Gleichklangs: Emily Dickinson, The complete poems of Emily Dickinson (1976) u. Jan Wagner, Achtzehn Pasteten (2007) // Quasi-hypnotisches R. als Wiederholung des gleichen Worts: Georg Trakl, Das dichterische Werk (1998) /// R. als Artistik: Peter Rühmkorf, Gedichte, Werke 1 (2000) /// R. als expliziertes poetologisches Prinzip zur Erhöhung der Merkbarkeit: Norbert Hummelt, Wie Gedichte enstehen (2009) u. pans stunde (2011) /// R. als Auswahlprinzip für jedes Wort des Texts: Oskar Pastior, Vokalisen und Gimpelstifte (1992)

26. 11. 11 /// M.M.

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Christoph Wagenknecht, Deutsche Metrik. Eine historische Einführung, 5. Auflage, München 2007 /// Christoph Burkhard, Metrik, Stuttgart 2004 /// Wolfgang Kayser, Kleine deutsche Versschule, 27. Auflage, Stuttgart 2002 /// Peter Rühmkorf, agar agar – zaurzaurim. Zur Naturgeschichte des Reims und der menschlichen Anklangsnerven, Reinbek 1981 /// Claus Schuppenhauer, Der Kampf um den Reim in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts, Bonn 1970 /// Ulrich Ernst, Peter-Erich Neuser (Hrsg.), Die Genese der europäischen Endreimdichtung, Darmstadt 1977 /// Bert Nagel, Das Reimproblem in der deutschen Dichtung. Vom Otfridvers zum freien Vers, Berlin 1985 /// Andreas Thalmayr, Das Wasserzeichen der Poesie oder die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen, Frankfurt am Main 1989

26. 11. 11 /// M.M.

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