drauflosschreiben

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Drauflosschreiben heißt, Intentionen und Erwartungen bezüglich Inhalt und Form des zu schreibenden Textes weitestgehend abzulegen, nicht reflektierend abzuwägen und auszuwählen, was aufgeschrieben wird, und somit den Text bereits vor der Niederschrift an das anzupassen, was er zu sein hat. Es geht vielmehr darum, Einfällen, Ideen, Fantasien und Gedanken auf dem Papier Platz zu bieten. Die Bewertungskriterien, die beim Schreiben üblicherweise explizit und oder implizit an alle Einfälle herangetragen werden, werden im Drauflosschreiben ausgeblendet. Das zu Schreibende wird so nahe wie möglich an seiner gedanklichen Ursprungsform niedergeschrieben, wodurch die Offenheit dessen, was auf dem Blatt entsteht, aufrechterhalten wird und im Schreiben nicht klar ist, wo es hinführt.

Das bereits Geschriebene kann dabei zu weiteren Einfällen führen und somit zum fließenden Fortgang des Schreibprozesses beitragen. Angestrebt wird nämlich, dass dieser möglichst reibungslos verläuft, dass die aufblitzenden Gedanken gleitend aufs Papier übertragen werden – mit möglichst wenigen Momenten des Innehaltens beim Schreiben sowie im Denken. Drauflosschreiben ist der Versuch, aus dem Schreibprozess das in ihm enthaltene und mit ihm verwobene Lesen und Bewerten herauszulösen, jegliche Überarbeitungsprozesse vom Schreiben selbst abzutrennen, obwohl diese Trennung nie vollständig erfolgen kann, nur eine Annäherung an sie. So wie auch beim Brainstorming, bei dem ebenfalls alle Einfälle fern jeder Bewertung niedergeschrieben werden, ist das Produkt dieses Verfahrens eine Sammlung an Sprachmaterial in weitestgehend unsortierter und ‚ursprünglicher‘ Form.

Es können zwei Arten des Drauflosschreibens unterschieden werden. Eine hat ebendiese Unstrukturiertheit, (Bedeutungs-)Offenheit, augenscheinliche Vorläufigkeit und die darin angelegte Potenzialität als Ziel. Der Text wird dazu genauso belassen, wie er niedergeschrieben wurde. Die andere hingegen dient der Herstellung von schriftlichem Rohmaterial, von sprachlich-gedanklichen Bausteinen, die auf verschiedene Weisen verwertet und weiterverarbeitet werden können. Die Absichtslosigkeit ist in den anknüpfenden Verfahren – wie etwa streichen, umstellen, ergänzen etc. – wieder aufgehoben.

Hinter dem Drauflosschreiben können verschiedene Motivationsformen stehen. Eine besteht darin, eine alles überrollende Gedankenflut festhalten zu wollen, und äußert sich als Wettkampf gegen die eigene Hand, wenn ein neuer Einfall schon da ist, aber der vorhergehende noch nicht (oder noch nicht vollständig) zu Papier gebracht wurde. Die gegenteilige Motivationsform besteht im Versuch, eine Schreibblockade zu durchbrechen, welche immer mit Ansprüchen und Erwartungen verbunden ist. Indem das Schreiben versuchsweise wertfrei und absichtslos erfolgt, wird der Weg aufs Papier bestenfalls für alle Gedanken frei und die lähmende Leere somit aufgehoben.

Das poetische Potenzial des Drauflosschreibens besteht in der Aufrechterhaltung der Offenheit im Schreiben, welche Unerwartetes, Ungewöhnliches, Innovatives zutage treten lassen kann. Im Gegensatz zum strukturierten, geplanten Schreibprozess wird das Schreiben für Unvorhersehbares geöffnet und kann somit neue Einsichten liefern, helfen, das Denken zu strukturieren, zu verknüpfen und das Gedachte neu, anders oder weiter zu denken. Dadurch kann ein Schreibprozess angekurbelt und Anstoß für Texte gegeben werden, die sich vom ursprünglichen Rohmaterial weit entfernen können. Das poetische Potenzial dieses Verfahrens liegt folglich in dessen Möglichkeit, im Denken sowie im Schreiben als Katalysator zu wirken.

25. 11. 14 /// Laura Basso

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D. als unwillkürliche poetische Inspiration („nachtwandlerisches Dichten“): Johann Wolfgang von Goethe, Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit (1833) /// D. als Teil eines ausführlich geplanten Schreibprozesses: um alle Ideen (auch zur Planung) festzuhalten,  wie bei Gustave Flaubert, Hérodias (1877), oder in welchem die Zielgerichtetheit im Schreiben selbst bewusst wieder abgelegt wird, wie bei Hans Boesch, Der Kiosk (1978), oder Émile Zola /// D., um anschließend zu reduzieren: z.B. bei Samuel Beckett, Heinrich Heine /// D. und nachträgliches Gliedern und Ordnen: z.B. bei Claude Simon /// D. als wiederholtes Verfahren: bei Friedrich Glauser, bei dem vieles direkt im Abfall landet: der Leidsucher (1917/1919); oder bei Friedrich Dürrenmatt, der immer wieder von Neuem korrigiert, umschreibt: Stoffe [Stoffe I–III] (1981), Labyrinth. Stoffe I–III (1990), Turmbau. Stoffe IV–IX (1990) /// D. aus einer Selbstvergessenheit beim Kritzeln heraus: Robert Walser, Geschwister Tanner (1907), Mikrogramme /// D. im Dadaismus, um dem Zufall und dem Unsinn Raum zu lassen: Tristan Tzara, Sept manifestes dada (1924) /// D. zur Sichtbarmachung des Unbewussten im Surrealismus (écriture automatique): André Breton und Philippe Soupault, Les Champs magnétiques (1921), André Breton, Erstes Manifest des Surrealismus (1924) /// D. als fortwährender Schreibfluss: z.B. bei Elias Canetti (Aufzeichnungen, Tagebücher), Franz Kafka (Tagebücher, Oktavhefte), Georg Heym (Tagebücher, Traumaufzeichnungen), Marcel Proust (Cahiers), Paul Valéry (Cahiers) /// ‚Drauflosreden‘: Heinrich von Kleist, Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden (1805) /// ‚Drauflosmalen‘: z.B. bei Georges Braque, Mon tableau (1959)

25. 11. 14 /// L.B.

← Forschungsliteratur →

Herman Burger, „Die allmähliche Verfassung der Idee beim Schreiben. Frankfurter Poetik-Vorlesung“, Frankfurt am Main 1968 /// Almuth Grésillon, „Über die allmähliche Verfertigung von Texten beim Schreiben“, in: Wolfgang Raible (Hrsg.), „Kulturelle Perspektiven auf Schrift und Schreibprozesse“, Tübingen 1995, S. 1-36 /// Louis Hay, „Die dritte Dimension der Literatur. Notizen zu einer critique génétique“, in: Poetica 16 (1984), S. 307-323 /// Klaus Hurlebusch, „Den Autor besser verstehen: aus seiner Arbeitsweise. Prolegomenon zu einer Hermeneutik textgenetischen Schreibens“, in: Hans Zeller und Gunter Martens (Hrsg.): „Textgenetische Edition“, Tübingen 1998, S. 7-51 /// Sylvie Molitor-Lübbert, „Schreiben und Kognition“, in: Hans-Peter Krings, Gerd Antos (Hrsg.), „Textproduktion. Ein interdisziplinärer Forschungsüberblick“, Tübingen 1989, S. 278-296 /// Hubert Thürig, Corinna Jäger-Trees und Michael Schläfli (Hrsg.): „Anfangen zu schreiben. Ein kardinales Moment von Textgenese und Schreibprozess im literarischen Archiv des 20. Jahrhunderts“, München 2009 /// Sandro Zanetti, „Techniken des Einfalls und der Niederschrift. Schreibkonzepte und Schreibpraktiken im Dadaismus und im Surrealismus“, in: Davide Giuriato, Martin Stingelin und Sandro Zanetti (Hrsg.), „SCHREIBKUGEL IST EIN DING GLEICH MIR: VON EISEN“. Schreibszenen im Zeitalter der Typoskripte, München 2005, S. 205‑234

25. 11. 14 /// L.B.

↑ Postskriptum ↑

Louis Hay hat 1984 eine Unterscheidung zwischen zwei gegensätzlichen Schreibtypen vorgenommen: der „programmierte“, planorientierte und der „immanente“, prozessorientierte Schreiber (der drauflosschreibt). Es lassen sich verschiedene Beispiele von Autoren finden, die unabhängig von der jeweiligen Epoche seit der Klassik einem dieser beiden Typen zugeordnet werden können. Zwischenformen werden aber von Hay nicht ausgeschlossen. Almuth Grésillon hat 1995 neben dem Kriterium „Planung – keine Planung“ zusätzlich unterschieden, ob die Tätigkeit auf dem Papier oder im Kopf geschieht, woraus sich drei unterschiedliche Schreibtypen ergeben. Drauflosschreiben als nicht geplantes Schreiben direkt auf dem Papier wird von Grésillon auch als Bottom-up Schreibprozess bezeichnet. Klaus Hurlebusch hat 1998 ähnlich wie Hay eine Unterscheidung in werkgenetische und psychogenetische Schreibprozesse vorgenommen, die auf einer Zweigeteiltheit des Autors fußt, Lesender und Schreibender zugleich zu sein. Beim Drauflosschreiben, das mit dem psychogenetischen Schreibprozess gleichzusetzen ist, steht die Produktivität, das ‚sich selbst befruchtende‘ Schreiben im Vordergrund. Im Gegensatz dazu steht das werkgenetische Schreiben, bei dem Vorgedachtes schriftlich reproduziert wird und in welches der Autor stärker als Lesender involviert ist. Hubert Thüring hat 2009 dagegen eine breitere Klassifikation vorgenommen. Er unterscheidet sechs verschiedene Schreibtypen, von denen ein Typus dem Drauflosschreiben entspricht (Typ 5). Bei den anderen Typen ist das Drauflosschreiben jeweils als Teilprozess denkbar.

25. 11. 14 /// L.B.

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